Home
SPRECH-Projekte
SPRECH-Info
SPRECH-Kontakt

Sprechblätter 01/26


Das unsichtbare Dritte
Essay über Bereiche, die sich der Wahrnehmung entziehen - von Walter Kreuz


Willkommen in der Welt der Zwischenräume.
Scherzende Umrisse, unmessbare Zwickel dank irreführender Geometrien.
Räume, die gemäß physikalischer Gesetzmäßigkeiten gar nicht existieren dürften.
Leidige Umkehrung aller Bemühungen, aller Spiele, aller Erfolge, aller Gewissheiten.
Das Phänomen Leben, für das es keine erdgeschichtliche Notwendigkeit zu geben scheint.
Und dann noch der Zufall, der einen gehässigen Strich durch jede Rechnung macht.

Unter hohem Energieaufwand, bei extremer Selbstverschleißung wagen Menschen, wagen diese fühligen Wesen mit Bewusstsein zögerlich den Griff nach Leere, nach eigentlich unbegreifbarer Leere – und stehen sinnend vor dem Unbekannten, vor dem offenbar Nicht-Fassbaren, vor dem Nicht-Anwendbarem, vor dem Übersehenem, Überhörtem, Übergangenem.

Zuweilen verlangsamen Wesen mit Bewusstsein ihre Wanderungen, wenn sie von eigenen Sinneswahrnehmungen vor Rätsel gestellt werden. Einhalten, stundenlange Gesprächsrunden, Schreie und Trampeltänze gegen den Himmel, neue Mechanismen der Reizverarbeitung sind geboten, denn mit hoher Wahrscheinlichkeit ist man an zu vielem Übersehenen, Überhörten, an Nicht-Kategorisierbaren, Nicht-Zuordenbaren schlicht und einfach vorbeigezogen.

In allen diesen Nicht-Erklärlichkeiten und mit ihren Sinnen Unfassbarkeiten haben sie auf ihren Wanderungen einen Begleiter, diese sinnenden und säugenden Wesen mit Bewusstsein. Es ist das unsichtbare Dritte.

Die Pfade der Gewissheit sind schmal. Zu beiden Seiten, oberhalb und unterhalb der Wege scheint es so viele Stellen, Orte, Zustände, Geschehnisse, Lebensarten, Räume, Dimensionen zu geben, die nicht erfahren werden, an denen die Wahrnehmung vorbeigeht, vorbeischrammt. Vielleicht beginnt bei sinnenden Wesen mit Bewusstsein mit jedem Wahrnehmungsakt stets ein neuer Prozess des Bewusstwerdens. Vielleicht ist ihr Bewusstsein nichts anderes als ein Vorgang der Veränderung, der nie abgeschlossen werden kann.

Versuch einer Umkehr. Wille zur Umkehr. Alles mit einer gehörigen Portion Durchhaltevermögen nochmals von vorn. Und eine Überraschung: Auf die Schamsekunde folgen leidenschaftliche Ansagen.

Es muss zu schaffen sein. Denn nie ist das Ganze ganz. Das unsichtbare Dritte wacht darüber.
Es müsste doch zu schaffen sein, dem Herkunftslosen, der Plötzlichkeit, dem allgegenwärtigen Schurken namens Zufall, der Flüchtigkeit, dem Unfassbaren beizukommen. Es müsste zu schaffen sein, nochmals – oder jederzeit – nochmals, mehrmals von vorne zu beginnen.

Sobald säugende Wesen mit Bewusstsein dies denken, lassen sie sich ein auf das Erahnen, auf das Erschließen. Lange Strecken eigener Funktionslosigkeit kalkulieren sie ein. Werden sie von fahrigen, gestressten oder unbefriedigten Wanderern gefragt, was man hier denn tun könne, antworten sie mit einem fünffachen Nichts. In abgezählter Form:

Nichts. Nichts. Nichts. Nichts. Nichts.

Ja, es gibt sie, die Orte, an denen man nichts tun kann.
Es gibt wohl auch lange Zeiträume, in denen nichts zu schaffen ist.
Deshalb die gleiche Fünf-Einigkeit wie oben:

Nichts. Nichts. Nichts. Nichts. Nichts.

Ein Nichts folgt dem nächsten. Fünf gleichlautende Worte für das unsichtbare Dritte. Ein fünffaches Nichts, fünf Nicht-Orte und eine Vermutung: Vielleicht wäre mit ihnen das Ganze ganz – oder voll oder gesättigt wie eine aus der Pfanne spritzende Fettsäure.

Eine architektonisch-kulinarische Null dies, ein planerisches Vergessnis, Leere, Leerlage, Leerstand.
Meist zwischen Flächen intensivster Nutzung, zwischen sämtlichen trauten Heim-Paradiesen in Zwei-, Drei-, Vier- oder Mehrsamkeiten, wo sich Ansässige, Auserwählte und Eingeschlossene (auf keinen Fall Ausgeschlossene) beglücken und überglücken.

Tatsächlich Nichts. Nichts. Nichts. Nichts. Nichts?


Es gibt sie, die halbe Leere.
Sinnende Wesen mit Bewusstsein und ihre Vermutung:
Die sich den Sinnen stellende Welt sei eine halbe Welt.
Leere, die klafft und gähnt, sei nur zur Hälfte leer.

Sei da irgendwo in unmittelbarer Nachbarschaft ein größeres Ganzes?
Gar ein strippenziehendes Ganzes? Nein, Ganzes ist niemals ganz. Wird es gewaltsam dicht gemacht, modert es.

Blickwechsel, Sinneswechsel und Perpektivwechsel. Sinnende Wesen mit Bewusstsein sind auch ahnende Wesen. Nicht von ungefähr reichen ein paar Bleistiftstriche, um ein ganzes Gesicht auf Zeichenuntergrund zu erahnen. Das Blatt streitet alle Mitbeteiligung ab und bleibt zu gut neunundneunzig Prozent leer.

Mitunter sind Säugetiere mit Bewusstsein Meisterinnen und Meister der Emergenz. Manche unter ihnen erschließen in Windeseile die nächstgrößere Form, wo andere lediglich auf Leere stoßen. Folglich ist auch die Ergänzung und Vervollständigung von Formen und Strukturen für sie eine gern praktizierte Übung.

Das große, alles umschließende Sein bietet Andeutungen seiner selbst bereitwillig den Sinnen der Wahrnehmung an – wie wenige Bleistiftstriche als Hinweise auf ein etwaiges Gesicht. Der Rest ist über die weiten Felder der Erahnung verstreut.


Bleistiftzeichnung Frauengesicht aus  Das halbe Ganze
Wenige Bleistiftstriche genügen, um ein "Gesicht" auf dem Papier entstehen zu lassen. Ob weiblich oder männlich, ob jünger oder älter, ob mit langem oder kurzem Haar - dies wollen die Betrachtenden meist erschließen, obwohl nur wenige Konturen des Gesichts erkennbar sind. Wahrnehmung selbst hat wohl keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Spekulation und Sehgewohnheit mischen oft mit, um das Ganze "ganz" zu machen (Zeichnung "Das halbe Ganze" von Walter Kreuz).


Doch nicht genug damit. Die Dinge des Alltags und ihre Herausforderungen. Nicht selten wiederholt sich in einem vermeintlichen Ganzen die Form seiner Teile. Zu dicht, zu geil, um wahr zu sein. Daher nochmals: Denn nicht selten wiederholt sich in einem Ganzen die Form seiner Teile.

Schlag nach bei Brokkoli.
Der gemüsig-kriminelle Bursche besteht frech und frei aus sich selbst.

Schlag nach bei Selbstähnlichkeit.
Diese Dame ist Grundform, in der sich unzählige Miniatur-Kopien eben dieser Grundform befinden. Und nicht genug damit: Die Miniatur-Bausteine schließen sich wieder zur Grundform zusammen. Bewundernswert und gleichzeitig sonderbar. Wie kommt die Natur auf eine solche Idee?

Antworten werden gern nach dem Ende des Universums gegeben.

Gewagt, gewitzt und an Verrücktheit kaum zu überbieten: Die ständige Wiederholung der Geschichte von Raum und Zeit. Universen als Fraktale der Entstehung ihrer selbst. Ein ewiger Produktionsprozess von selbstähnlichen Drehbüchern der Werdung von unabzählbar vielen Universums-Fraktalen und ihrer unmerkbaren gegenseitigen Durchdringung. Würde, könnte das wohl die Existenz von unabzählbar vielen Paralleluniversen erklären? Wahrscheinlich nicht.

Gesetzt jedoch, es gäbe nur eines - und dieses Universum währte ewig:
Gewiss ließe sich für das Spüren von Unendlichkeit eine Sinneswahrnehmung finden.
Schließlich suchen die Menschen danach, seit es dieses Bewusstsein gibt.

Gesetzt, sie würden nicht fündig werden und man stieße auf keinen Leer-Sinn oder Such-Sinn: Dann ginge es darum, Alternativen aufzutreiben. Zu schmieden wären ein Plan B oder C oder D. Und das Scheitern? Wird zugelassen, allemal. Nicht-Anwendbares ist zuzulassen,

Zorn ist flüchtig, keine Angst. Und dem eigenen erratischen Verhalten ist niemand böse.
Kein Aufgeben also. Auf Plan folgt Plan folgt Plan. B, C, oder D oder wie auch immer weiter.
Vermutlich zählen Zuversicht und Vertrauen zu den höchsten Kunstfertigkeiten sinnender Säugetiere mit Bewusstsein.

Vielleicht ist die Allgegenwärtigkeit des Zufalls eine Eigenschaft jeder Gegenwart. Vielleicht herrscht zwischen sinnenden Individuen eine viel zu wenig beachtete Einigkeit darüber, dass es Leere, dass es Unbekanntes, dass es Unbegreifliches, dass es Unlösbares, dass es ein Ganzes gibt, welches nie vollständig, welches nie ganz sein wird.

Auch wenn es weiterhin im Hintergrund bleibt, das unsichtbare Dritte: Es scheint seit frühesten Zeiten ein stiller Begleiter der Menschheit zu sein, der stets für Diskurse und für größtmögliche Flexibilität des Denkens in Zeit und Raum sorgte, sorgt und sorgen wird.



DAS SPRECH - Initiative für Hör-, Sprach- und Sprechkunst       Impressum/Kontakt